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Dossier weibliche Genitalverstümmelung (FGM) pdf icon

 

Weibliche Genitalverstümmelung (FGM) ist heute weltweit als eine Verletzung der Menschenrechte und als eine Form von Kindesmissbrauch anerkannt. Wie andere Formen von geschlechtsspezifischer Gewalt stellt sie eine Verletzung des Rechts auf Leben, des Rechts auf physische und geistige Unversehrtheit, des Rechts auf (reproduktive und sexuelle) Gesundheit sowie der Schutz vor Diskriminierung aufgrund des Geschlechts dar.

 

Definition und Begrifflichkeiten

Weibliche Genitalverstümmelung ist die teilweise oder totale Entfernung oder sonstige Verletzung der äusseren weiblichen Geschlechtsorgane aus nicht medizinischen Gründen. International hat sich der Begriff «Weibliche Genitalverstümmelung» (Female Genital Mutilation FGM) durchgesetzt.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) unterscheidet vier Formen von FGM:

  1. «Klitoridektomie»: Teilweise oder komplette Entfernung der Klitoris und/oder der Vorhaut.
  2. «Exzision»: Teilweise oder komplette Entfernung der Klitoris und der kleinen Schamlippen mit oder ohne Entfernung der grossen Schamlippen.
  3. «Infibulation» / «Pharaonische Inzision»: Teilweise oder komplette Entfernung der äusseren Genitalien und Zunähen der verbleibenden Haut bis auf eine kleine Öffnung.
  4. Diverse, nicht klassifizierbare Praktiken so zum Beispiel Einstechen, Einschneiden oder Einreissen der Klitoris

Die Art der Beschneidung variiert je nach Region und praktizierender Gemeinschaft.
Auch der Zeitpunkt der Beschneidung variiert: Meistens sind die Mädchen zwischen 0 und 15 Jahre alt. Es gibt aber auch Gemeinschaften, die erwachsene Frauen beschneiden.

FGM stellt einen Eingriff dar, der nicht wieder rückgängig zu machen ist. Er kann zahlreiche kurz- und langfristige Komplikationen für die körperliche und psychische Gesundheit der Mädchen und Frauen zur Folge haben (Schmerzen, Blutungen, Infektionen, Narbenbildungen, Zysten, Inkontinenz, Unfruchtbarkeit, Probleme bei Sexualität und Geburtsverlauf u.v.m.). Zudem können Betroffene an den akuten sowie langfristigen Folgen von FGM sterben.

UNICEF zufolge leben derzeit mehr als 125 Millionen Frauen mit den Folgen der Genitalverstümmelung. Sie ist in den westlichen, östlichen und nordöstlichen Regionen Afrikas, einigen Ländern in Asien und im Nahen Osten am stärksten verbreitet und betrifft weltweit Migrantinnen aus diesen Gebieten.

 

Die Ursachen und Hintergründe von FGM

Die Ursachen und Beweggründe, die hinter FGM stehen, sind vielfältig und komplex und unterscheiden sich je nach praktizierender Gruppe und Region. Ihnen gemeinsam ist, dass weibliche Genitalverstümmelung eine tief verankerte Tradition und gesellschaftliche Norm innerhalb vom Communities darstellt, die Familien unter Druck setzt und zwingt, den Erwartungen ihrer Familienangehörigen und Gesellschaft gerecht zu werden.

Trotz der schweren kurz-und langfristigen körperlichen und psychischen Folgen der Verstümmelung, wird FGM häufig in der Überzeugung praktiziert, dass sie für das Mädchen von Vorteil ist. FGM ist im Zusammenhang mit der Kontrolle der weiblichen Sexualität durch die Gesellschaft sowie mit einer Vielfalt von Überzeugungen und Ängsten zu sehen. FGM ist ein sehr sensibles Thema, das in den betroffenen Communities häufig mit einem Tabu belegt ist.

Im Migrationskontext kann FGM auch die Funktion haben, eine Verbindung zum Herkunftsland und damit zur kulturellen Identität zu erhalten oder weiterbestehen zu lassen.

Der Ursprung von FGM ist unklar, es gibt nur wenige gesicherte Daten. Man geht heute davon aus, dass FGM auf patriarchale und hierarchische Gesellschaftssysteme in Alt-Ägypten zurückzuführen ist. Bei der weiblichen Genitalverstümmelung handelt es sich also um Traditionen, die sich als soziale Normen über Jahrtausende festgesetzt haben.

FGM Genitalverstümmlung Karte Verbreitung

Karte zur weltweiten Verbreitung von FGM des Woman Stats Project.

 

FGM in der Schweiz

Gemäss Schätzungen des Bundesamtes für Gesundheit im 2013 leben 15'000 Frauen und Mädchen in der Schweiz, die entweder von FGM betroffen sind oder gefährdet sind, verstümmelt zu werden.

Migrant_innen aus Ländern, in denen FGM verbreitet ist, haben in der Schweiz oft mit vielfältigen Schwierigkeiten zu kämpfen: Ein ungewisser Aufenthaltsstatus, eine unsichere finanzielle Situation und Diskriminierung auf verschiedenen Ebenen erschweren die Integration. Für viele ist FGM – wenn sie zunächst überhaupt als Problem wahrgenommen wird – nur eines von vielen. Die vielen Verunsicherungen können bei einem Teil der Familien dazu führen, dass sie an Traditionen aus ihrem Heimatland festhalten – auch wenn diese das Leben und die Gesundheit von Mädchen stark gefährden.

Von weiblicher Genitalverstümmelung betroffene Frauen können charakteristische körperliche oder psychische Probleme und Bedürfnisse haben, die eine spezifische Behandlung verlangen. Jedoch gibt es in der Schweiz nur punktuell auf FGM-spezialisierte Beratungsangebote, obwohl eineadäquate Unterstützung für Betroffene zentral ist, denn unangemessene Reaktionen können retraumatisieren und werden als stigmatisierend empfunden.

Neben der Tatsache, dass in der Schweiz beschnittene Frauen leben muss davon ausgegangen werden, dass Mädchen auch hierzulande gefährdet sind, entweder vor Ort oder im Ausland beschnitten zu werden.

Fachpersonen aus den Bereichen Gesundheit, Asyl, Integration, Kinderbetreuung, Schule, Kindesschutz, Beratungsstellen und Behörden sind in ihrem Berufsalltag mit betroffenen oder gefährdeten Mädchen und Frauen konfrontiert. Diese Fachpersonen stehen vor grossen Herausforderungen, viele sind immer noch ungenügend informiert.

 

Die Gesetzeslage

FGM ist in der Schweiz verboten. Bis 2012 fiel FGM als einfache oder schwere Körperverletzung unter Art. 122 oder 123 des Schweizerischen Strafgesetzbuches (StGB). Seit 2012 gibt es mit Art.124 einen expliziten Strafartikel zu FGM. Nach Artikel 124 StGb macht sich strafbar, «wer die Genitalien einer weiblichen Person verstümmelt, in ihrer natürlichen Funktion erheblich und dauerhaft beeinträchtigt oder in anderer Weise schädigt». Täter_innen droht eine bis zu 10-jährige Freiheitsstrafe. Damit gilt FGM in jedem Fall als Offizialdelikt. Zudem können Täter_innen in der Schweiz belangt werden, unabhängig davon wo sie die Tat begangen haben und ob diese am Tatort strafbar war. Damit soll verhindert werden, dass Mädchen ins Ausland gebracht und dort verstümmelt werden.

Im Weiteren ist FGM als geschlechtsspezifischer Fluchtgrund anerkannt ; de facto findet FGM als Fluchtgrund jedoch selten Anerkennung in der Asylpraxis.

 

TERRE DES FEMMES Schweiz aktiv gegen FGM

TERRE DES FEMMES Schweiz unterstützt und berät betroffene Frauen und Mädchen sowie Fachpersonen und Institutionen. Wir helfen bei Ersteinschätzungen der Situation und vermitteln wenn möglich lokale Beratungsstellen und Expert_innen.

Wir arbeiten mit betroffenen Gemeinschaften zusammen und unterstützen diese in der Präventionsarbeit, unter anderem mit dem Videoclip «Information on FGM» in fünf Sprachen oder der Präventionsbroschüre «Wir schützen unsere Töchter» für Migrant_innen in sieben Sprachen sowie mit Veranstaltungen.

TERRE DES FEMMES Schweiz bietet zudem Weiterbildungen und Informationsveranstaltungen für Fachpersonen an, die in ihrem Berufsfeld mit FGM konfrontiert sind und bietet die Wanderausstellung «Schnitt ins Leben. Weibliche Genitalverstümmelung – auch in der Schweiz».

Wir unterstützen Recherchen und wissenschaftliche Arbeiten.

TERRE DES FEMMES Schweiz setzt sich bei Entscheidungsträger_innen für eine Überwindung geschlechtsspezifischer Gewalt und adäquate Angebote für Betroffene ein. Daneben beziehen wir Stellung zu themenrelevanten Vernehmlassungs- und Gesetzesvorlagen des Bundes sowie bei multilateralen Prozessen. TERRE DES FEMMES Schweiz verfasst asyl- und ausländerrechtliche Gutachten.

TERRE DES FEMMES Schweiz ist Mitglied der nationalen Arbeitsgruppe zur Überwindung weiblicher Genitalbeschneidung in der Schweiz (AG FGM). Die Arbeitsgruppe wurde im Jahr 2012 auf Initiative verschiedener nichtstaatlicher und staatlicher Akteur_innen gegründet. Ihr Zweck ist eine stärkere Vernetzung und Austausch sowie die koordinierte und praxisorientiere Erarbeitung von Grundlagen und Empfehlungen zum Thema FGM in der Schweiz. Im Rahmen der AG FGM hat TERRE DES FEMMES Schweiz 2014 die «Bestandesaufnahme über die bestehenden Massnahmen gegen weibliche Genitalverstümmelung (FGM) in der Schweiz in den Bereichen Prävention, Unterstützung und Schutz» publiziert. Darin fasst TERRE DES FEMMES Schweiz die Schweizer Aktivitäten gegen weibliche Genitalverstümmelung zusammen und zeigt künftigen Handlungsbedarf auf.

 

Forderungen von TERRE DES FEMMES Schweiz

Sowohl für Betroffene als auch für Fachpersonen, die mit Betroffenen in Kontakt kommen, ist weibliche Genitalverstümmelung ein schwieriges Thema, das mit vielen Emotionen und Tabus verbunden sein kann. Um FGM für immer zu überwinden, ist das Wissen und die Diskussion um diese äusserst komplexe Thematik unumgänglich.
Es braucht

  • eine Institutionalisierung des Themas auf allen Ebenen, um FGM flächendeckend und umfassend angehen zu können. Das Thema muss, wo immer möglich, in bestehende Strukturen eingebettet werden. Damit können finanzielle und inhaltliche Synergien genutzt und Nachhaltigkeit gewährleistet werden.
  • eine verstärkte regionale und nationale Vernetzung, um das Thema flächendeckend und umfassend angehen zu können.
  • eine stärkere Förderung der community based prevention mit behaviour change approach sowie der niederschwelligen und kultursensiblen Beratungsangebote für Migrant_innen.
  • den vermehrten Einbezug von Multiplikator_innen, die zum Thema FGM geschult sind.
  • die Berücksichtigung der Männer als Zielgruppe sowie als Akteure der Präventionsbemühungen.
  • die Verbesserung des Zugangs zu FGM-spezifischer Versorgung insbesondere auch für Migrant_innen mit unsicherem Aufenthaltsstatus.
  • Anerkennung von FGM als geschlechtsspezifischer Fluchtgrund auch in der Praxis
  • eine zunehmende Sensibilisierung von Fachpersonen und Institutionen. Dabei geht es auch darum, dass FGM verstärkt als Form von Kindesmissbrauch und häuslicher Gewalt wahrgenommen und entsprechend gehandelt wird. Das Thema muss vermehrt in die Lehrpläne aufgenommen werden. Zusätzlich braucht es ein Weiterbildungs- sowie Coachingangebot für Fachpersonen und Institutionen.
  • die Erhebung von Datenmaterial und der Entwicklung von Indikatoren, um die Wirkung der Aktivitäten zu messen und ein Monitoring der Situation von FGM in der Schweiz zu ermöglichen.
  • das Bereitstellen von angemessenen finanziellen und personellen Mittel.
  • die Entwicklung einer umfassenden, koordinierten Strategie, um all diese Massnahmen zu bündeln.

Unsere ausführliche Position finden Sie im Positionspapier zu FGM.

TERRE DES FEMMES Schweiz erachtet es als angebracht, im FGM-Diskurs auch die genitalverändernden Eingriffe in unserer eigenen Kultur zu verdeutlichen und zu hinterfragen. Deshalb haben wir das Positionspapier zu kosmetischen Operationen im Genitalbereich verfasst.